Diese Stadt wurde nach dem Ende der Sowjetunion anscheinend einfach vergessen: Chiatura modert vor sich hin – und mit ihr 60 Jahre alte eiserne Seilbahnen! Sie sind noch im Originalzustand und sehen so verrostet aus, als würden sie bei der nächsten Fahrt einfach vom Tragseil bröseln. Tun sie aber bislang nicht.

Knapp 50 Kilometer östlich von Kutaisi liegt die vielleicht skurrilste Stadt Georgiens. In einem Tal stehen verfallene Fabrikgebäude, von denen an langen Kabeln Seilbahngondeln die Felsen hinauf und wieder herab fahren – einige für Menschen, andere für Kohle. Mit hoher Geschwindigkeit sausen die Loren über unsere Köpfe. Ein Netz über der Straße soll zumindest die gröbsten herabfallenden Brocken abfangen. In Chiatura wird unter abenteuerlichen Bedingungen Kohle und Mangan abgebaut. Monatlich gibt es Nachrichten über tödlich verunglückte Bergarbeiter, sagt unser Guide Lasha. Um die Arbeiter schnell zu den Minen und den Rohstoff zurück ins Tal zu befördern, wurde ab der Mitte des 20. Jahrhunderts ein umfangreiches Seilbahnsystem gebaut. Von den ursprünglich 80 Linien sind heute nur noch wenige in Betrieb. Doch sind genau sie es, die jetzt Besucher anziehen.

Chiatura
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Vom Seilbahnhofsgebäude bröckelt gelber Putz, Fensterscheiben sind zerbrochen, die Wände dreckig oder mit verwitterten Plakaten beklebt. Die Station scheint einmal prunkvoll gewesen zu sein. Doch der Zahn der Zeit nagt nicht nur kräftig – er hat Karies im Endstadium. Es riecht vermodert und nach Maschinenöl.

Zwei Seilbahnlinien fahren hier ab: eine blaue Metallkiste, mit der es sehr steil den Berg hinauf geht und eine etwas größere, guten Gewissens nur noch als rostfarben zu bezeichnende Gondel mit einer deutlich längeren Strecke zum gegenüberliegenden Hang. Eine Stationsvorsteherin gibt über ein altes Telefon Klingelsignale zu den Bergstationen: Abfahrt! Die eisernen Umlaufrollen und Zugseile sind so stark geschmiert, dass sie bei jeder Bewegung schmatzen. Abgesehen davon setzen sich die Gondeln fast geräuschlos in Bewegung.

Sehr steil führt die „blaue Linie“ von der Talstation hinauf zur Mine.

Wir steigen zuerst in die blaue Metallkiste, Baujahr 1966. Mehr als vier Personen dürfen sicherheitshalber nicht mitfahren. Die Fahrt ist aber kostenlos! Durch eng-vergitterte Bullaugen erhalten wir eine vage Vorstellung, wo wir uns gerade auf dem Weg nach oben befinden. Es riecht nach Metall, ist dunkel aber nicht stickig – Fensterscheiben sind schließlich kaum noch übrig. Knapp eine Minute später: Tür auf, ein großer Schritt aus der schwankenden Kabine, wir haben es geschafft.

Die Bergstation befindet sich auf einem vor Ewigkeiten zusammengeschweißten und inzwischen durchweg verbogenen Podest direkt am Abhang. Von dessen Spitze steuert aus einer kleinen Kabine hinaus ein Mann die Maschine. Über ein Telefon hält er Kontakt zur Talstation – eigentlich läuft die Verständigung aber über Klingelzeichen. Eine mechanische Anlage zeigt die Position der Kabinen an. Kurz vor der Station löst sie ein Klingeln aus, dann muss der Maschinist die Geschwindigkeit drosseln und die schwankenden Gondeln an der Plattform stoppen. Tut er es nicht, gibt es kurz darauf eine Notbremsung – bewährte sowjetische Technik. Unter dem Tisch steht eine 2,5-Liter-Bierflasche „König Pilsener“ – der Job macht sich ja fast von allein.

Mit den Seilbahnen sollten die Arbeiter ursprünglich schnell zu den Minen gebracht werden.
Noch heute werden die Linien von der Bergbaugesellschaft betrieben.

Hinter der Station liegt der Eingang zu einer der vielen Minen in der Region. Die Bergbaugesellschaft betreibt auch die Seilbahnen – ursprünglich, um die Kumpel schneller zur Arbeit zu transportieren. Einst sorgten die Kohle- und Manganvorkommen für Wohlstand in der Stadt. Doch seit Jahren werfen sie kaum noch etwas ab. Und so spiegelt sich der Zustand der Minen auch in den Seilbahnen. Fahren sie nicht, kommt das Leben in Chiatura zum Erliegen.

Besonders deutlich wird das an der Rostkiste: Die zweite Seilbahnlinie (Baujahr 1957), die ab dem Zentrum fährt, verbindet die Stadt mit einer kleinen Hochhaussiedlung auf dem Hang. Ein Auto ist für die Menschen hier viel zu teuer, die Seilbahn ihre einzige Verbindung ins Tal.

Von der Bergstation, die ebenso prunkvoll wie die Talstation war, wird die „Rostkiste“ gesteuert.

Maschinistin Elyssa sitzt seit 22 Jahren in der verfallenen Bergstation hinter einer Handvoll Hebeln – hinter ihr ein historischer Motor, über dessen große Antriebsräder die stählernen Zugseile laufen. Alle zehn Minuten setzt sie das geschmierte Getriebe in Gang. Die Fahrt der Rostkiste dauert deutlich länger als die der „blauen Linie“, führt über einen Unterstützungsmasten auf halber Strecke, ist aber nicht so steil. Auch hier gibt es ein Klingelsystem, das die Gondel im Notfall stoppt. Elyssa arbeitet im Mehrschicht-System für ein paar hundert Lari im Monat. Besser diesen soliden Job und einen Funken Leidenschaft für die museumsreife Technik, als gar kein Auskommen.

Portraits von Lenin und Stalin prangen an der verfallenen Talstation.

Auch wenn Chiaturas Seilbahnen als „Stalins schwebende Metallsärge“ verspottet werden, ist angeblich noch niemand zu Schaden gekommen. Nur einmal, erinnert sich die Aufpasserin in der Rostkiste, habe jemand betrunken die Notbremse gezogen. Daraufhin habe die Gondel sieben Stunden in der Luft gehangen. Eigentlich ist es ihre einzige Aufgabe, darauf zu achten, dass niemand die Notbremse zieht. Aber bei 200 Lari Monatslohn (ca. 70EUR) kann das eben mal passieren…

Wer genau hinsieht, entdeckt in Chiaturas Stadtbild bereits die Pfeiler neuer Seilbahnlinien. Mit einer Millionenförderung, auch aus dem Ausland, sollen die alten Rostkisten verschwinden und durch moderne Gondeln und Linien ersetzt werden. Ein Hoffnungsschimmer für die vergessene Stadt Chiatura? Der Bau steht derzeit still.